Exklusives Interview mit Tobias Bieri: Wie Studio Anemo ein 3D-gedrucktes, bewegliches Riff zum Leben erweckt

/// 3D Druck News am 22. Januar 2026///

Mit Studio Anemo entwickelt Tobias Bieri organische, bewegliche 3D-Druckskulpturen, die an Unterwasserwelten erinnern und bewusst zwischen Technik, Mechanik und Kunst angesiedelt sind. Der 3D-Druck dient dabei nicht nur als Fertigungsverfahren, sondern als zentrales Werkzeug, um komplexe Formen, Bewegungen und Mechaniken iterativ zu erforschen.

Im Interview spricht Tobias über seinen Weg vom Schmuckdesign zur kinetischen Skulptur, über Inspiration aus Natur und Bewegung, über die technischen Herausforderungen beweglicher 3D-gedruckter Strukturen sowie über seine Vision von Wachstum als Prozess statt als starre Form.

Stefan: Wie ist die Idee entstanden, bewegliche, organische Strukturen mit dem 3D-Druck zu verbinden?

Tobias: Ich komme ursprünglich aus dem Schmuckdesign, aber für meine Bachelorarbeit wollte ich bewusst aus diesem Rahmen ausbrechen und etwas entwickeln, das stärker in Richtung Objekt, Bewegung und Interaktion geht. Am Ende ist ein „fliegender Walfisch“ entstanden, der über ein tragbares Element an der Hand per Gesten gesteuert werden konnte – fast wie ein physisches, reales „Pokémon“-Prinzip. Entscheidend war mir dabei, dass die Fortbewegung nicht über Rotoren funktioniert, sondern über Flossenschläge. Genau an diesem Punkt bin ich zum ersten Mal richtig auf die Schnittstelle zwischen Mechanik, bionischem Denken und organischer Form gestoßen. 3D-Druck hat sich dafür nicht nur angeboten, sondern mich sofort gepackt, weil er diese komplexen Formen und Mechaniken überhaupt erst in einem iterativen Prozess möglich gemacht hat.

Stefan: Welche Naturphänomene oder Bewegungsmuster inspirieren Dich bei Deinen Riff- und Mechanikprojekten am meisten?

Tobias: Ich bin schon seit meiner Kindheit total fasziniert von Unterwasserwelten. Diese Schwerelosigkeit, die Stille und gleichzeitig diese elegante, langsame Bewegung – das zieht mich einfach in den Bann. Ich versuche dabei bewusst nicht, Anemonen oder Tiere eins zu eins zu kopieren. Stattdessen arbeite ich eher mit den Bildern und Gefühlen, die ich davon im Kopf habe. Das Ziel ist nicht, ein realistisches Riff zu bauen, auf dem man bestimmte Korallentypen erkennt, sondern eine Skulptur zu schaffen, die eine ähnliche Faszination auslösen kann.

Stefan: Wenn Du ein neues Objekt entwickelst: entsteht die Form eher spielerisch und experimentell oder folgst Du einem klaren gestalterischen Konzept?

Tobias: Am Anfang passiert das Ganze bei mir eigentlich ziemlich spielerisch. Ich skizziere viel, probiere Formen aus und denke weniger in fertigen Konzepten als in Möglichkeiten. Oft stehe ich auch einfach vor dem Riff und schaue: Was fehlt noch? Welche Bewegung würde hier Sinn machen, welche Form würde das Ganze ergänzen oder spannender machen? Erst danach wird es konkreter – aber der Start ist meistens eher ein offenes Suchen und Kombinieren, statt ein Plan, der von Anfang an feststeht

Stefan: Was fasziniert Dich persönlich am meisten daran, wenn ein gedrucktes Objekt plötzlich „lebt“, sich bewegt oder pulsiert?

Tobias: Haha, ja – spannende Frage. Ich liebe auch statische Kunst, aber ich finde, wir leben in einer Zeit, in der einfach mehr möglich ist. Mich fasziniert vor allem der Moment, in dem ein Objekt aufhört, nur Form zu sein, und plötzlich eine eigene Präsenz bekommt – fast so, als hätte es einen eigenen Rhythmus. Wenn eine kinetische Skulptur fertig ist, habe ich meistens so lange daran gearbeitet, dass es für mich schon fast zum Haustier geworden ist. Ich kenne jede Macke und bin super stolz, wenn es über Tage problemlos läuft. Gleichzeitig spüre ich aber immer wieder, dass es eigentlich mehr „Zufall“ und Unregelmäßigkeit bräuchte, damit es wirklich lebendig wirkt. Das ist mechanisch ein sehr schwieriges Problem – aber ich bin dran.

Stefan: Welche Rolle spielt das Material für Dich – und warum eignet sich der 3D-Druck so gut für Deine Art von Installationen?

Tobias: Das Material spielt für mich eine ziemlich wichtige Rolle. Ich wollte das Riff eigentlich von Anfang an aus recyceltem PET (z. B. aus Flaschen) drucken – und will da auch wieder hin. Aktuell braucht es dafür noch etwas Zeit, weil meine Skulpturen sehr zuverlässige, gleichmäßige Materialien brauchen, damit die Mechanik langfristig reibungslos läuft. Langfristig möchte ich aber möglichst alles aus recyceltem Material drucken, weil ich Unterwasserwelten feiere und mit der Produktion nicht zu ihrer Verschmutzung beitragen will.
Mit 3D-Druck arbeite ich außerdem, weil ich es genial finde, wie schnell und frei ich damit Formen und Mechanismen iterieren kann. Und ganz pragmatisch: Ohne große Werkstatt und ohne Budget für Holz- oder Metallbearbeitung ist es für mich das praktischste Werkzeug, um diese Art von Arbeiten überhaupt umsetzen zu können.

Stefan: Bewegliche 3D-Strukturen stellen hohe Anforderungen an Stabilität und Feinmechanik. Wie gehst Du an diese technischen Herausforderungen heran?

Tobias: Bei beweglichen 3D-Strukturen sind die technischen Herausforderungen riesig, weil am Ende alles von kleinen Details abhängt: Toleranzen, Reibung, Widerstände, Materialverhalten. Meistens starte ich mit einer Bewegungsidee und suche dann nach einer Mechanik, die das überhaupt übersetzen kann – das Buch 507 Mechanical Movements ist dabei eine super Inspirationsquelle. Ab dann wird es sehr „hands-on“ und nerdig: testen, anpassen, wieder drucken, wieder testen. Bis es wirklich sauber läuft und möglichst geräuschlos ist, vergehen oft mehrere Wochen und meistens fünf bis zehn Prototypen, bis es stimmt.

Stefan: Gibt es ein Projekt innerhalb von Studio Anemo, das Dich selbst besonders überrascht oder berührt hat – und warum?

Tobias: Ich glaube, das war mein erstes Projekt, der Walfisch. Der Moment, in dem er zum ersten Mal wirklich geflogen ist und die Menschen automatisch stehen geblieben sind, um zuzuschauen, war extrem prägend für mich. Da habe ich gemerkt, dass mein Wunsch, Menschen mit meinen Arbeiten auf einer sehr elementaren Ebene zu faszinieren, tatsächlich funktioniert. Diese Erfahrung hat mich sehr berührt – und mir gezeigt, dass ich mit dieser Richtung richtig liege.

Stefan: Welche Rückmeldungen oder Reaktionen von Menschen haben Dich bisher am stärksten bewegt?

Tobias: Ich gebe manchmal Robotik-Kurse für Kinder. Einmal habe ich ein paar Prototypen mitgenommen, um zu zeigen, was alles möglich ist, wenn man sich mit dem Thema wirklich auseinandersetzt. Danach war die ganze Klasse extrem motiviert. Am meisten bewegt hat mich aber, wie vorsichtig und selbstverständlich die Kinder mit den Objekten umgegangen sind – ganz ohne Hinweis von mir, fast so, als wären es lebendige Wesen.

Stefan: Wenn Du in die Zukunft blickst: Welche Themen oder Formen möchtest Du in den nächsten Jahren unbedingt weiter erforschen?

Tobias: Wachstum finde ich extrem spannend – vor allem als Prozess, nicht als fertige Form. Mich interessiert, wie sich Strukturen über Zeit verändern können, wie etwas entsteht, sich verdichtet, vielleicht wieder zurücknimmt oder neu organisiert. Das kann formal, mechanisch oder auch systemisch gedacht sein. Ich glaube, dass darin noch sehr viel Potenzial für meine Arbeit steckt.

Wir bedanken uns für die spannenden Einblicke hinter den 3D-gedruckten kinetischen Skulpturen und freuen uns über neue spannende Projekte.

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